Kurzgeschichten

Clown Edgars dunkle Seite

Kurzgeschichte Emily Chuck Clown Edgarsdunkle Seite

Neulich, als ich vom Sektfrühstück nach Hause lief, traute ich meinen Augen nicht. Auf einer Wiese, unweit von meiner Wohnung, standen drei Kamele. Mitten in Deutschland. Mitten im Sommer. Mitten im grünen Gras. Weit und breit keine Wüste, keine Oase und erst recht kein langgewandiger Kameltreiber. Nur behöckerte, langbeinige Tiere aus dem Sandland. Hä, spinn ich? Vielleicht war das Sektfrühstück keine gute Idee. Ich schaute weg. Hin. Weg. Hin. Wischte mir die Augen mit der linken, mit der rechten und zum Schluss mit beiden Händen. Jo, die Kamele waren offensichtlich immer noch da, denn der Autofahrer, der mir entgegenkam, lenkte plötzlich scharf in meine Richtung. Ich sprang beiseite. Gerade noch rechtzeitig. Glück gehabt. Der Kleinwagenkutscher raste ungebremst in die alte Birke am Straßenrand. Wie er das wohl seiner Versicherung erklärt? „Abgelenkt durch Kamele. Mitten in Deutschland. Mitten im Sommer. Mitten im grünen Gras.“ Natürlich!

Ich hielt kurz inne, um den Schrecken zu verdauen. Eines der Kamele versuchte, mir in die Augen zu blicken. Frau gegen Kamel. Kamel gegen Frau … Eins zu Null für das Kamel, da ich wegen des Alkoholgenusses leicht schielte. Das Höckertier grinste. Blödes Vieh!

Irritiert lief ich weiter, an den Bäumen und Büschen vorbei, um in die Straße einzubiegen, in der ich wohne. Beim Abbiegen nahm das Chaos seinen Lauf. Ein Zirkuszelt, gefühlte fünfzehn Zirkuswagen und mehrere auf der Straße herumspringende Akrobaten. What the f…? Ich war doch nur zwei Stunden weg und ich schwöre, als ich die Wohnung verließ, war da nichts, nur gähnende Leere. Und jetzt steht es da. Ein gigantisches Zirkuszelt. Mitten in Deutschland. Mitten im Sommer. Mitten im grünen Gras.

Ich schlengelte mich an den Artisten vorbei, über die Straße ins Haus und schleppte mich die Treppen hinauf in meine Wohnung. Mein Weg führte mich direkt zur Couch. Mittagsschläfchen. Um elf Uhr morgens.

Zwei Stunden später erwachte ich von einem ohrenbetäubenden Krach. Viele Stimmen, laute Musik, diverse Tiergeräusche. War wohl doch kein Traum, dachte ich und ging zum geöffneten Fenster: ein großes Zirkuszelt, viele Gäste, Artisten, Zirkuswagen, und die Kamele Ellie, Egbert und Agatha, deren Namen soeben über die Lautsprecher brüllend verkündet wurden. Mitten in Deutschland. Mitten im Sommer. Mitten auf einer grünen Wiese.

Jetzt wird’s interessant, dachte ich, denn was ich zu sehen bekam, war Gold wert. Während die Zuschauer im Zelt vermutlich brüteten wie in einem niederländischen Tomatengewächshaus, genoss ich den Ausblick direkt auf den Hintereingang des Zeltes, wo Clown Edgar, dessen Namen ich ebenfalls dank der schallenden Mikrofondurchsage erfuhr, sich für seinen großen Auftritt bereit machte. Der schwankt ja genauso wie ich heute Morgen. Wohl auch zu viel Sekt zum Frühstück gehabt, ey?, dachte ich und lachte. In dem Moment kamen Ellie, Egbert und Agatha im Eiltempo aus dem Zelt geflitzt und fetzten dabei den gummiartigen Vorhang weg. Während zwei Kamele vor Schreck stoppten, rannte eins weiter, an den Wagen und Autos der Zuschauer vorbei, in Richtung des einzigen Baumes, der einst lieblos auf der Wiese drapiert wurde. Na du hast’s ja eilig, ging es mir durch den Kopf. Und prompt erfuhr ich auch warum, denn der Rücken des Tiers, ich vermute, es war Agatha, krümmte sich. War wohl Rettung in letzter Sekunde?  Nun lag es da. Das Kamelhäufchen. Mitten in Deutschland. Mitten im Sommer. Mitten auf der grünen Wiese. Passt!…Nicht!…Ih!

Ich wandte meinen Blick wieder Clown Edgar zu, doch was ich zu sehen bekam, war auch nicht besser. Bis zum Anschlag steckte sein Zeigefinger in der Nase. Zum Glück in seiner eigenen! Was er wohl?…Ih…So ein Schwein!Der Ekel durchfuhr meine Körper. Ich schüttelte mich. Wem’s schmeckt! Vielleicht ist das ja so eine Art Ritual, bevor der Clown die Manege betritt? Das tat er dann auch. Ab durch die große Lücke in der Zeltwand, die dort dank der Kamele klaffte.

Von nun an hörte ich nur noch ein paar minimal witzige Worte des Clowns, ehe er einen Zuschauer darauf aufmerksam machte, dass dessen Händedruck ein Witz sei. Oh ihhh! Jetzt hat der dem die Popelhand gegeben.Ich bekam Gänsehaut. Morgen werde ich Herpes haben. Na danke! Ich verschwand vom Fenster. Das Elend wollte ich mir nicht länger antun.

Zwei Tage später, ich kehrte nachmittags halb vier von der Arbeit zurück, war alles vorbei. Keine Kamele, kein Zelt, keine Wagen, keine Akrobaten mehr. Nur noch ein großer brauner Fleck, den das Zirkuszelt hinterlassen hatte. Und ein kleiner brauner Haufen von Agatha. Mitten in Deutschland. Mitten im Sommer. Mitten auf einer ehemals grünen Wiese.


© Emily Chuck

Und was passiert vor deiner Haustür?

Ich bin gespannt auf deine Geschichte.

Welche Clown Edgars sind dir begegnet? Was fasziniert dich an ihnen und warum?

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...meine Kurzgeschichten "Die Burger-Verschwörung" und "Mutti-Panik"?

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