Kurzgeschichten

Die gemeine Tulpen-Krise

witzige Geschichte "Die gemeine Tulpen-Krise"

Es ist schon einige Jahre her – meine Tochter muss so acht Jahre alt gewesen sein – da waren wir gemeinsam an einem Blumenladen vorbeigeschlendert. Ich hatte lauthals und voller Freude die wunderschönen, herrlich duftenden gelben Tulpen bewundert. Meine Tochter hatte währenddessen blöde Grimassen gezogen und sich darüber kaputtgelacht, wie dumm das in der wenig bis überhaupt nicht geputzten Fensterscheibe ausgesehen hatte. Bei einer Grimasse hatte sie ihren Zeigefinger bis zum Anschlag in der Nase gehabt. Ich habe bis heute keine Ahnung, was das darstellen sollte. Wenn es nicht sogar nur gut getarntes Popeln gewesen war …

… Die Blumen hatten mich wie magisch in ihren Bann gezogen, doch aus irgendeinem Grund hatte ich an diesem Tag keine einzige dieser tollen Pflänzchen gekauft gehabt.

Wie sich einen Tag später herausstellte, wäre das auch gar nicht nötig gewesen.

An diesem Tag klingelte es an der Haustür. Ich flitzte im Eiltempo von meinem Arbeitsplatz durch den langen Flur bis zum Eingang, da ich glaubte, der Postbote würde mir ein langersehntes Päckchen bringen.

Doch vor der Tür stand freudestrahlend meine Tochter. Sie streckte mir einen Strauß wunderschöner gelber und roter Tulpen entgegen und knuddelte mich. Und sie schaute seelenruhig dabei zu, wie mir vor lauter Freude und gleichzeitiger Fassungslosigkeit zuerst das Gesicht entgleiste und dann die ersten Tränen aus den Augen tröpfelten, an meinen Wangen und am Kinn hinunter bis auf mein zerknittertes T-Shirt.

Was soll ich sagen? Ich war zutiefst gerührt von dieser einmaligen Situation. So sehr, dass für einige Sekunden tatsächlich Stille herrschte. Und wer uns kennt, der weiß, dass das schon absurd genug war, denn im Grunde reden wir ununterbrochen – gelegentlich sogar im Schlaf.

Doch plötzlich stellte sich mir die alles entscheidende Frage: Woher zum Geier hatte das Kind die Tulpen? …

… Kurze Randnotiz für dich, lieber Leser:

Wir lebten in einem klitzekleinen Weniger-als-einhundert-Einwohner-Dorf, gleich am Arsch der Welt. Oder am Ende der Erdscheibe. Ganz, wie du willst. Der Schulbus hielt genau vor der Schule. Dort stieg mein Kind für gewöhnlich ein. Und erst an der einzigen Bushaltestelle in unserem Kaff sollte sie wieder ausgestiegen sein. Somit hatte sie eigentlich keine Chance gehabt, Blumen zu kaufen.

Dem war auch so, wie sich auf meine Nachfrage hin herausstellte. Wo also hatten sich die ungeahnten Möglichkeiten zum Tulpenkauf versteckt? Woher hatte sie die Tülpchen? Und was mich noch mehr interessierte: Von welchem Geldchen hatte sie die Tülpchen gekauft? Von ihrem Taschengeldchen sicher nicht, denn das war längst für Weingummi und kleine Pferde-Figürchen draufgegangen.

Ich hakte also gezielt nach und prompt rutschte mir mein Herzchen ins Höschen. Gott wollte, dass ich an diesem Tag auch tatsächlich eins anhatte. 😂

Scheinbar war an mir vorbeigegangen, dass überall in unserem kleinen Dorf wunderbare Tulpen geblüht hatten. Unter anderem an der Bushaltestelle, wo sie von den Gemeindemitarbeitern offensichtlich vor einiger Zeit gesetzt worden waren. Also dachte sich mein Kind: „Uiuiui, die würden der Mami aber mega gut gefallen“, und war zur Tat geschritten. Ein gelbes Tülpchen hier, ein rotes Tülpchen da … und gelegentlich ein bisschen Gras und Unkraut dazwischen. Alles in allem hatte sie einen hübschen Strauß zusammengestellt gehabt. Das musste ich ihr lassen.

Ich, ganz in Mutti-Manier, geriet in Panik und malte mir aus, wie gleich der Dorfbulle vor unserer Haustüre stehen und mich in Handschellen abführen würde. Wegen Diebstahl und gefährlicher Tulpenverletzung. Eltern haften für ihre Kinder und so’n Zeug.

Wirklich, die wildesten Szenarien spielten sich in meinen Synapsen ab. Mir war ja in dem Moment nicht klar, dass das Ende der Fahnenstange noch gar nicht erreicht war.

Was ich bis dahin nicht wusste – und was mir meine Tochter nun ebenfalls freudestrahlend berichtete: „Ich hab’ auch noch bei Tante Erna, in Frau Schmitts Garten und im Vorgarten von Herrn P. ein paar Tulpen mitgenommen, weil du die doch so gerne magst.“

What? Im Ernst?

So sehr ich mich über das Geschenk auch freute, so unangenehm war mir die Situation. Normalerweise hätte ich mich im halben Dorf für mein Kind entschuldigt. Einfach aus Anstand.

Doch meine Tochter beschloss, dass das doch einfach unser Geheimnis bleiben sollte. Also blieb es das. Bis heute!

Auch wenn zwei Tage nach der gemeinen Tulpen-Krise Frau Schmitt am Fleischerauto, das die Wurstwaren ins Dorf lieferte, fürchterlich herumkrakeelte, dass der Fuchs, das gemeine Schwe…, ihre Tulpen geklaut hätte.

Ich bin mir sicher: Er wollte nur seiner Füchsin einen Liebesbeweis in den Bau schleppen.

Jetzt bist du dran

Einige meiner Leser haben mir inzwischen berichtet, dass auch sie solche Dinge mit ihren Kindern erlebt haben. Geht es dir genauso? Dann hinterlass mir doch unten einen Kommentar. 😊

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