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„Stille Nacht“ geht echt anders!

Kurzgeschichte Emily Chuck _Stille Nacht_ geht echt anders!

Da saßen sie wieder, wie an jedem trostlosen Heiligabend, den sie in männerfreundschaftlicher Glühwein-mit-Spekulatius-Runde unter der verkrüp-pelten, jedoch liebevoll mit bunten Papierschnipseln dekorierten Weihnachtsbirke verbrachten. Auch Gabi, die einzige stumme Zuseherin, war auf ihrem Stammplatz drapiert und mit einem Spanngurt fixiert worden. Dies war auch dringend notwendig gewesen, denn im letzten Jahr war Gummi-Gabi unverhofft auf ihrem Stuhl zusammengesackt und mit dem Gesicht direkt in den vor ihr auf dem Tischersatz aus Bierkisten liegenden Weihnachtskranz gefallen.

Kurzerhand hatten ihr der stotternde Paul, der einfühlsame Kurt und der zu klein geratene Sören ein neues Gesicht transplantiert. Sören war früher Schönheitschirurg gewesen, bis die Staatsanwaltschaft eines Tages herausgefunden hatte, dass er nicht einmal einen Schulabschluss besaß. Spenderin für das neue Gesicht war die „heiße Elfriede“ gewesen, Gabis aufblasbare Vorgängerin, die viele Jahre lang ihren treuen Dienst erwiesen hatte.

Um diesmal ein erneutes Zusammensacken Gabis zu verhindern, beschlossen die drei Weihnachtsfreunde, Gabi vollständig aufzupumpen und den Spanngurt zu verwenden. „Sicher ist sicher“, dachten sie.

Gemäß langjähriger Tradition kommt beim Treffen dieser drei Spacken immer – ja wirklich immer – jemand zu Schaden.

Vor acht Jahren, beim ersten Weihnachtsglühen, hatte Paul ein Auge verloren, nachdem seine beiden Freunde ihm Elfriedes Brüste ins Gesicht gedrückt hatten. Man hatte im Alkoholrausch wohl vergessen, dass die Brustwarzen mit Reißzwecken beklebt worden waren – natürlich mit der Spitze nach vorn – um Friedel als Pinnwand-Girl zu nutzen.

Ein Jahr später erlitt Sörens Opa beim Anblick der neuen gummierten Escort-Dame Gabi einen Herzinfarkt, sodass sich die einst aus vier Männern bestehende Runde verkleinerte.

Vor sechs Jahren brach sich Sören ein Bein, weil Kurts Karnickel sein Futter im Raum verteilt hatte und er darauf ausgerutscht war.

Vor fünf Jahren ist Karnickel Otto deshalb aus Sicherheitsgründen in der Bratpfanne gelandet.

Vor vier Jahren brach sich Kurt beim Popeln den Zeigefinger und musste in der Notaufnahme behandelt werden.

Ein Jahr später ging die Weihnachtsbirke in Flammen auf, nachdem die mit Klebestreifen geflickte Lichterkette einen Kurzschluss verursacht hatte.

Im vorletzten Jahr musste Wellensittich „Alzheimer“ dran glauben, nachdem er beim Stuhltanz versehentlich noch vor Paul auf dessen Stuhl platzgenommen hatte und im letzten Jahr traf es eben Gabis Gesicht. Doch was in diesem Jahr passierte, würde das Weihnachtsfest für alle Zeit und für jede Familie auf Erden verändern.

Es war kurz nach 23 Uhr. Die drei heiligen Schnaps-leichen waren bereits randvoll mit Glühwein und Korn betankt, als draußen laute Schritte zu hören waren. Jemand klopfte an die Garagentür und meinte mit tiefer, rauer Stimme:

„Ho ho ho. Von draußen vom Walde … Den Rest weiß ich nicht mehr … Es bleibt mir zu sagen, die Geschenke sind leer.“

Paul, Kurt und Sören waren auf ihren Stühlen erstarrt. Gabi schaute nur ungläubig drein, sagte jedoch kein Wort. Sie war eigentlich immer recht schweigsam, was die Männer als angenehm empfanden.

Die Tür öffnete sich langsam, sodass der Weihnachtsmann zum Vorschein kam. Als er soeben den Geschenkesack in die Garage schleppen wollte, geschah es:

Gabi hatte sich offenbar erschrocken, sodass sich eine der Pinnwandnadeln langsam von der rechten Brust löste und wie eine winzige Rakete quer durch den drei Quadratmeter kleinen Raum schoss, knapp an Pauls übriggebliebenem Auge vorbei. Ein zischendes Geräusch war zu vernehmen, was wiederum den Weihnachtsmann in Angst und Schrecken versetzte. So sehr, dass er sich nach dem Eintreten und dem Verschließen der Tür eine Zigarette anzünden wollte, um etwas zu entspannen.

Er setzte sich neben Gabi, denn sie schien so viel angenehmer zu sein als Frau Weihnachtsmann. Leider wusste Santa Claus nicht, dass Tüftelkönig Kurt Gabi in diesem Jahr mit Gas befüllt hatte. Es gab eine erhebliche Detonation. Paul, Sören und Kurt waren leicht angeschmort und nur noch mit Unterhosen bekleidet. Gabi zersetzte sich nahezu vollständig und verschmolz zu einer Einheit mit ihrem Stuhl. Lediglich eine mit einem kleinen Glöckchen ausgestattete Weihnachtsmannmütze lag neben den Gummiresten.

Die drei Verstummten beteten innerlich, dass der rasante Flug des Weihnachtsmannes, der direkt durch die Garagentür aus Blech führte, diesen zumindest bis zum Nordpol bringen würde.

Eventuell, wenn man die Umstände genau betrachtete, würde die Bescherung in den nächsten Jahren möglicherweise ausfallen. So lange, bis ein neuer Santa Claus gefunden worden wäre oder der bisherige sich weitestgehend erholt hätte.

„Sti … sti … stille Nacht ge … ge … geht echt anders“, schlussfolgerte Paul.


© Emily Chuck

Und wie verläuft Weihnachten bei dir?

Hinterlasse mir gern einen Kommentar. Ich bin sehr gespannt. 🙂

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4 Gedanken zu „„Stille Nacht“ geht echt anders!

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