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Waldine on tour

lustige Geschichte über Tiere für Erwachsene

Vor einiger Zeit war ich in den Morgenstunden mit meinem Auto unterwegs zu einem Termin. Um wach zu werden, drehte ich das Radio voll auf, in der Hoffnung, der Moderator würde gleich den Song unerwartet unterbrechen und mich hiermit so sehr erschrecken, dass das Adrenalin mich endgültig munter werden ließ. Aber wie das eben immer ist – wenn man die Hilfe des merkwürdigen Moderators wirklich einmal braucht, lässt er einen im Stich und sagt exakt … nichts.

Dennoch wurde ich blitzschnell hellwach, und zwar in dem Moment, als ich bei der Durchfahrt des Waldstückes am Straßenrand einen niedlichen kleinen Hasen entdeckte. Glücklicherweise war es kein lila Elefant, der mir signalisierte, dass die Müdigkeit mich noch immer im Griff hatte.

Was mich jedoch stutzig machte, war, dass der Hase nicht hoppelte, sondern rannte. Einige Sekunden lang überlegte ich mir, woran das wohl liegen könnte. Hatte er Drogen genommen und war deshalb in der Lage, eine neue Gangart auszuprobieren? Wurde er von einem Rudel Wölfen aufgezogen, was in dieser Gegend, in der ich wohnte, durchaus möglich gewesen sein könnte, und lernte hierdurch das Laufen? Oder hatte ich um diese Uhrzeit einfach nur Tomaten auf den Augen? …

Wie sich herausstellte, handelte es sich um Antwort C, die Sache mit den Tomaten. Der Hase war nämlich kein Hase, sondern ein klitzekleiner Hund. Und der gehörte um diese Uhrzeit ganz sicher nicht mutterseelenallein in den dunklen, gruseligen Hexenwald.

Ich bremste das Auto ab und parkte am Straßenrand. Langsam stieg ich aus dem Auto, denn ich wollte Waldi nicht erschrecken. Da ich selbst mit Hunden aufgewachsen bin, weiß ich, dass brüllend und völlig hektisch auf den Kleinen zuzulaufen zwar theoretisch machbar, aber nicht besonders klug – eher idiotisch – gewesen wäre. In diesem Fall hätte der Vierbeiner nämlich Riesen-Augen bekommen und hätte seine vier kurzen Beinchen in die Hand genommen. Oh Gott, wie dieses Pfoten-Chaos wohl ausgesehen hätte? Jetzt, da ich darüber schreibe, bin ich versucht, das irgendwann einmal zu testen.

Ich schweife ab.

Jedenfalls hockte ich mich hin und machte dieses typische Geräusch, das man üblicherweise macht, wenn man auf einen kleinen Hund trifft, den man nicht kennt: „Na du Kleiner. Du bist ja ein ganz Süßer. Gutschi, gutschi. Komm‘ mal her. Die große, dicke Frau tut dir nichts.“ Doch das interessierte Waldi rein gar nicht. Seine Miene ließ eher vermuten, dass er ängstlich war. Oder angepisst. Also versuchte ich es weiter, denn es kam für mich nicht infrage, den Kleinen allein im Wald zu lassen, wo er offensichtlich nicht hingehörte. Mir war klar, dass irgendjemand da draußen ihn vermissen würde.

„Komm‘ her. Komm‘ schon her. Komm‘ jetzt endlich her, du kleines Vieh. Ich sitze bestimmt nicht stundenlang bei dieser Arschkälte auf der Straße und warte, bis du dich dazu entschieden hast, dich retten zu lassen“, sagte ich und war mir plötzlich doch nicht mehr so sicher, ob jemand auf ihn warten würde.

Nach einigen Zisch-, Pfeif- und Bettellauten entschied sich der kleine planlose Vierbeiner dann doch, dass es sicher klüger wäre, der alten dicken Frau zu vertrauen, als in der Kälte zu erfrieren oder vom bösen Wolf gefressen zu werden.

Er kam auf mich zu. Ich ließ ihn an meinen Händen schnüffeln und redete ihm mit leisen Worten gut zu. Sein Gesichtsausdruck wandelte sich von „Entschuldigung, wer sind Sie? Bitte fressen Sie mich nicht“ zu „Du bist ja eine lustige alte Frau. Geradezu witzig. Hol mir Futter.“ Es schien, als würde Waldi – der, wie sich herausstellte, eine Waldine war – die Augenbraue dabei hochgezogen haben.

Nachdem die Kleine an meiner Hand schleckte, also offensichtlich Vertrauen zu mir hatte, nahm ich sie auf den Arm, um zu schauen, ob sie verletzt war. Da die Hündin so sehr zitterte, dass ich Angst hatte, sie würde gleich in lauter Einzelteile zerfallen, steckte ich sie unter meine Jacke und ging zum Kofferraum, um nach etwas Trinkbarem zu kramen. Glücklicherweise habe ich immer eine Wasserflasche im Gepäck, für den Fall, dass ich in den Morgenstunden mitten im Wald einen kleinen Hund finde. Oder einen großen. Oder Hänsel und Gretel, die gerade versuchen, den Heimweg zu finden.

Ich setzte die Kleine in den Kofferraum, legte eine Decke über sie und ließ sie das Wasser schlecken. Sie schaute mich glücklich an, aber ihr Blick sagte im nächsten Moment so etwas wie: „Gibt’s hier in der Nähe einen Burger-Schuppen, in dem ich was Ordentliches zu Futtern bekomme? Oder wenigstens eine Maus? Können wir bitte eine Maus fangen?“

Ich wusste, dass wir dringend die Familie des kleinen Streuners finden mussten. Doch im nächsten Moment fragte ich mich, ob er überhaupt eine Familie hatte. Und was wäre, wenn nicht? Um ehrlich zu sein, überlegte ich nicht lange. Ich schaute der Kleinen direkt in ihre schwarzen Kulleraugen. Mein Herz wurde warm. Fast hätte ich einen Milcheinschuss bekommen. Die Sache war klar. „Wenn wir deine Familie nicht finden, bleibst du einfach bei mir!“, sagte ich und sie erwiderte mit diesem typischen „Alles klar, wie du meinst. Hauptsache, ich bekomme bald was zwischen meine gierigen Zähne“-Blick.

Ich verfrachtete die Kleine auf den Beifahrersitz, schaltete die Sitzheizung ein und nahm das Telefon zur Hand, um beim nahegelegenen Tierarzt anzurufen. Vielleicht hatte sie dort jemand als vermisst gemeldet. Leider erreichte ich niemanden. Meine einzige Möglichkeit war also, die umliegenden Dörfer abzuklappern, in der Hoffnung, dass jemand die Kleine kennen würde und wusste, wo sie hingehörte.

Sie schaute mich noch immer fragend an, schloss aber nach ein paar Minuten die Augen, um ein Nickerchen zu machen. Sie muss wirklich müde gewesen sein. Kaum vorstellbar, wie lange sie schon in diesem großen Wald unterwegs war. Ganz allein. Und immer auf der Flucht vor den Wölfen und anderen Raubtieren. Ich summte ein beruhigendes Schlaflied. Doch leider beruhigte es nur mich. Die Kleine hingegen riss die Augen auf. Wäre dies ein Comic gewesen, hätte in der Sprechblase so etwas gestanden wie: „Echt jetzt? Hör auf damit. Das klingt, als würde man einem Hamster den Schwanz abbeißen. Mach‘ nur so weiter, und ich lege mich lieber in den Futternapf des runzligen Wolfes, als bei dir zu Hause einzuziehen. Mann, mann, mann.“

Ich hielt also, wie mir befohlen wurde, die Klappe und kramte weiter nach der Lösung, die uns auf dem schnellsten Wege zur Familie des kleinen giftigen Mini-mini-Hündchens führen sollte.

Plötzlich klapperte etwas in meinem Kopf. Es war der gefallene Groschen, der mir sagte, ich solle doch in den nahegelegenen Landhandel fahren. Dort würde man sicher wissen, wem die kleine Fellnase gehörte.

Glücklicherweise lag ich mit meiner Vermutung richtig. Der Besitzer konnte mir sofort helfen und gab mir die Telefonnummer der Besitzer. Die wiederum waren so glücklich über meinen Anruf, dass sie sofort weinten. Nun setzte eine verheerende Kettenreaktion ein: Ich heulte, der Besitzer des Landhandels heulte, seine Frau heulte, die Hühner heulten, und Waldine fing an zu jaulen. Wobei das wohl eher die Freude darüber war, dass es nun bald den ersehnten Burger geben würde. Oder zumindest eine Dose leckeren Futters. Und wenn die Besitzer schon dabei wären, dann sicherlich auch gleich ein warmes Bad und anschließend ein Nickerchen im Elternbett.

Also machte ich mich hopp hopp in die Spur, um die Kleine zu ihrer Familie zu bringen, und kämpfte unterwegs weiter mit den Tränen. Die ungläubigen Augen des Vierbeiners verrieten mir dessen Gedanken: „Ey, dein Kopf ist undicht. Dir läuft Wasser aus den Augen.“ Und obwohl das ziemlich frech war, fand ich die Kleine so sympathisch, dass ich sie hätte knutschen können. Ganz egal, ob sie vorher in Kacke gebadet oder Ratten gefressen hatte.

Fünf Minuten später kamen wir bei der glücklichen Familie an. Wir wurden von etwa 38 weiteren Hunden und lauter Herrchens und Frauchens begrüßt. Die Kleine mit einem fetten Knutscher und ich mit einem Strauß wunderschöner, selbst gepflückter Blumen. Alle waren glücklich und erneut – wie sollte es anders sein – flennten alle.

Wenn du selbst ein Haustier hast, ganz egal, was es auch sein mag, dann weißt du, wie schlimm es sich anfühlt, wenn das geliebte Tier plötzlich nicht mehr da ist. Es zerreißt einem das Herz. Und deshalb war ich an diesem Tag so froh, ein paar Herzen geflickt haben zu können. Und auch darüber, diesen kleinen trotteligen Vierbeiner gefunden zu haben, dessen Geschichte mich daran erinnerte, wie viel Freude einem gerade die kleinen Dinge im Leben bringen können.

 

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