Kurzgeschichten

Warte ab, wenn wir uns wiedersehen

Warte ab, wenn wir uns wiedersehen Geschichte Emily Chuck

Als mich meine Kollegin und liebgewonnene Freundin Wiebke fragte, ob ich einen kreativen Beitrag zum Band „XY“ leisten möchte, zögerte ich keine Sekunde. Als Teenager habe ich selber erfahren, was es bedeutet „pflegende Angehörige“ zu sein. Und ich möchte Ihnen etwas verraten: Als Krankenschwester war ich wohl untragbar. Aber, liebe Angehörige, Betreute und Unterstützer dieser wunderbaren Aktion, es gibt eine Sache, die viel zu oft unterschätzt wird, obwohl sie doch so wichtig ist: Humor!

Als kleines Kind habe ich sehr viel Zeit bei meiner Oma verbracht, auf einem großen Hof in einem kleinen Ort in der tiefsten DDR. Die Hühner waren meine Lieblingstiere, sodass ich jeden Morgen als erstes in den Hühnergarten marschierte und das Geflügel versorgte. Ich liebte es, das Futter zu verstreuen und den Kleinen beim Picken zuzusehen. Auch sonst gab es im Garten viel zu tun. Es mussten Kartoffelkäfer abgesammelt, Blumen gepflückt, Gemüse geerntet und Heu gewendet werden. Noch heute erinnere ich mich an einen wunderschönen Tag, an dem meine Oma mit ihrer geblümten Kittelschürze das Heu wendete. Ihr graues, krauses Haar wehte im Wind, sie war schwer beschäftigt, aber sie hatte ein Lächeln im Gesicht und schien glücklich. Ich besitze davon tatsächlich ein Foto, weil mich dieser Moment als Kind faszinierte und bis heute berührt. …

… Doch so lieb sie war, so gemein konnte sie auch sein. Und wissen Sie was? Ich habe diese Gemeinheiten geliebt, denn sie machten Omi zu etwas ganz Besonderem. Einmal habe ich im Garten geschaukelt. Ich saß in einer Kinderschaukel, die an allen Seiten mit Holzlatten umbaut war. Eigentlich war ich viel zu alt für dieses Spielgerät und übertrieb es wohl ein wenig mit dem „Höhenflug“. Wie es der Zufall wollte, überschlug ich mich und baumelte mehrere Minuten kopfüber im Gestrüpp, während meine Oma am Gartenzaun mit der Nachbarin tratschte. Minutenlang rief ich um Hilfe, auch wenn ich mich gleichzeitig köstlich amüsierte. Omi hörte mich augenscheinlich nicht. Bis heute denke ich, dass sie mich mit Absicht ignoriert hat, weil ich sie zuvor geärgert hatte. Ich durfte sie immer ärgern. Sie hat es mir nie übelgenommen. Aber sie hat sich früher oder später immer revanchiert, und zwar meist erst dann, wenn ich längst nicht mehr damit rechnete. Sie bespritzte mich urplötzlich im Vorbeigehen mit eiskaltem Wasser, warf mir einen Putzlappen hinterher und – Ihre absolute Spezialität: Wenn ich mal wieder zu lange schlief und den Hühnern schon der Magen knurrte, weckte sie mich und wollte mir weismachen, ich hätte zwei Tage durchgeschlafen. Natürlich war mir klar, dass das nicht sein konnte, aber als Kind fragt man sich mehr als einmal, ob sie nicht vielleicht doch recht hatte. Heimlich fragte ich dann manchmal meinen Opa, welchen Tag wir haben. …

… Ich bin mir sicher, dass sie einen großen Teil dazu beigetragen hat, dass ich ein sarkastischer, stets gut gelaunter Mensch geworden bin. Aber eines schwor ich mir in dem Moment, in dem ich kopfüber im Schaukel-Gefängnis baumelte: Ich würde mich rächen und ich wusste, dass sie das weiß. Und ich wusste, dass sie darauf wartete, nur um sich dann ihrerseits wieder neue Gehässigkeiten einfallen zu lassen. Wir haben uns wirklich geliebt.

Wenige Jahre später war endlich der Moment gekommen. Meine Oma war inzwischen sehr krank und ich war leider sehr weit weg gezogen. Wann immer ich in der Heimat war, besuchte ich sie am Krankenbett. Ich wollte einfach für sie da sein. Gemeinsam mit meiner Mama putzte ich das Haus, um meiner Omi eine Freude zu bereiten, denn pflegen konnte ich sie nicht, auch wenn ich es gern getan hätte. Oft saß ich an ihrem Bett und wir haben Gespräche geführt, auch wenn sie inzwischen sichtlich Mühe hatte, sich mit mir zu unterhalten. Ich spürte instinktiv, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis meine geliebte Oma zu den Engeln geht. Und ich wusste, dass die Zeit gekommen war für meinen Moment der Rache, auf den sie so lange wartete. Ich spazierte also zur Zimmertür herein und sie lag im Bett. Sie war so zerbrechlich, konnte sich praktisch nicht mehr bewegen, aber sie lächelte und ich fragte: „Na Omi, heute schon joggen gewesen?“ Sie drehte ihren Kopf zu mir, holte so gut es ging Luft und flüsterte mit leiser, gebrechlicher Stimme: „Nein, heute war ich Seilspringen.“ Sie grinste mich schelmisch an und ich wusste, dass sie zufrieden war.

Ein paar Wochen später verstarb sie. Sicherlich wäre sie gern noch geblieben, um mich zu ärgern. Andererseits war sie nun endlich erlöst von ihren Leiden. Für die Beerdigung schrieb ich einen Abschiedsbrief, indem ich mich nochmals öffentlich und mit Nachdruck für das Schaukel-Debakel bedankte, natürlich mit einem Augenzwinkern. Ich konnte sie förmlich sarkastisch lachend sagen hören: „Warte ab, wenn wir uns wiedersehen.“

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